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Kritische Neugier

Das Forschungsprojekt „Qualität im Technikjournalismus“ nimmt Redaktionen und deren Produkte kritisch unter die Lupe.

Wenn angehende Technikjournalisten die Arbeit der etablierten Profis untersuchen, endet das nicht immer mit ehrfürchtigem Staunen vor der Recherche- und Vermittlungsleistung technikjournalistischer Glanzleistungen. So wird beispielsweise bemängelt, dass sich in der Berichterstattung einer großen Tageszeitung über ein sogenanntes „Aktivhaus“ Marketingformulierungen als Tatsachen ausgeben. Vom eigenen technischen Wissen beflügelt entsetzen sich andere Studierende darüber, dass eine große Publikumszeitschrift die Datenübertragungsrate sehr unscharf mit dem Begriff der Bandbreite wiedergibt oder bemängeln, dass genauer unter die Lupe genommene Fachzeitschriften viele Artikel ausschließlich aus Pressemitteilungen und Unternehmensinformationen zusammendengeln. Konkrete Befunde die im Rahmen der studentischen Mitwirkung am Forschungsprojekt „Qualität im Technikjournalismus“ zutage getreten sind. Das von der Staedtlerstiftung geförderte Projekt will qualitative Defizite im Technikjournalismus aufdecken und konkrete Anforderungen an die Qualität der Berichterstattung über Technologie formulieren. Die Analyse konkreter Beiträge reicht dabei vom klassischen Factchecking bis hin zur Untersuchung der Ausgewogenheit und verdeckter PR-Interessen von Autoren oder Publikationen. Weitere Kriterien sind unter anderem die gelungene journalistische Umsetzung der untersuchten Beiträge, deren Nutzen für den Leser oder die Frage, ob darin auch Gefahren einer Technologie und Technikfolgen thematisiert werden.

Manche Ergebnisse der Studierenden des Studiengangs Technikjournalismus/Technik-PR werfen dabei kein gutes Licht auf das Ressort. So kürzte ausgerechnet ein Fachmagazin die in Deutschland jährlich von Kurier-, Express und Paketdienstunternehmen transportierten Sendungen von mehr als zweieinhalb Milliarden um den Faktor Tausend. Nebenbei entpuppte sich bei der Recherche der einzige Interviewpartner im Artikel auch als dessen Autor – den das Heft aus naheliegenden Gründen lieber gleich ganz verschweigt. Andere studentische Analysen beklagen bei Fachzeitschriften vor allem Defizite in der Technikfolgenabschätzung und mangelnde Ausgewogenheit und gelangen dabei zu pointierten Resümees wie diesem: „Wie die meisten Texte einer Fachzeitschrift wirkt auch dieser wie eine große Werbung gefasst in ein Feature“. Publikumsmedien fallen dagegen gerne durch sehr zeitoptimierte Recherche auf, so dass der wachsame journalistische Nachwuchs etwa einen Artikel in einem populärwissenschaftlichen Magazin als „Kollage aus mehreren Pressemittteilungen und bereits geschriebenen Artikeln“ entlarven konnte.

Ausgangspunkt des Forschungsprojekts ist die Frage nach Qualitätsstand und Qualitätsvorstellungen im Technikjournalismus. Paradox an der Situation in Redaktionen ist dabei, dass gerade in den Zeiten der gerne postulierten Medienkrise Qualität einerseits zu einem Wettbewerbsvorteil geraten könnte, sie aber andererseits nur schwer finanzierbar scheint. Gerade die Qualität der Berichterstattung über technologische Themen in den Medien weist oft erhebliche Defizite auf.

In Publikumsmedien sorgen Vereinfachungen sowie mangelnde Sachkenntnis und Recherche häufig für fehlerhafte Erzeugnisse. Special-Interest-Publikationen kranken dagegen eher an der Tendenz zum unkritischen Verlautbarungsjournalismus oder einem hohen fachlichen Anspruch, der häufig zu Lasten der Verständlichkeit geht.

Wie Technikjournalisten selbst die Qualitätslage ihres Ressorts beurteilen soll eine Reihe von Leitfadeninterviews eruieren. Die bislang 20 Befragungen werden im Moment ausgewertet. Was bereits feststeht: Viele der Befragten haben auch bei kritischen Themen Klartext geredet. So bekannte der Chefredakteur einer Fachzeitschrift aus dem Bereich Automation: „Wir bekommen hier Artikel eingereicht (…) wo wir sehr schlottern, weil sie so furchtbar sind“. Ein leitender Redakteur des Wissenschaftsressorts im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht die Qualität der Publikumsmedien zwar optimistischer, erkennt aber auch Defizite, etwa die fragwürdigen Ergebnisse nicht valider Studien hinauszuposaunen. Und er hat auch einen qualitätsbewussten Tipp für den Nachwuchs parat. Er rät angehenden Technikjournalisten vor allem eine Kompetenz zu entwickeln: kritische Neugier.

Falko Blask